Drei Etagen über den Schutzsuchenden hielten zwei bis drei Soldaten der deutschen Wehrmacht Stellung. Von oben hatten sie den Rhein im Blick und konnten am 25. März 1945 beobachten, wie die Alliierten auf Höhe Rees auf einer der größten Militärbrücken des Zweiten Weltkriegs den Fluss überquerten und ihren Vormarsch nach Westfalen fortsetzten. „Es gab fast keine Gegenwehr von deutscher Seite“, sagt Paul Wissing. „Viele Deutsche waren geflohen. Statt der 60.000 bis 70.000 Soldaten, mit denen die Alliierten zwischen Emmerich und Wesel gerechnet hatten, waren dort nur 3000.“
Einer der vielen britischen Panzer, die den Rhein überquerten, hielt an der Scholten-Mühle und richtete sein Kanonenrohr auf das Bauwerk. Was dann geschah, weiß Paul Wissing aus Erzählungen eines ehemaligen Soldaten aus Großbritannien. „Ich traf den Mann, als er 83 Jahre alt war und mit seiner Familie die Route bereiste, die er als junger Soldat durch Deutschland zurückgelegt hatte.“ Damals 19 Jahre alt, gingen er und sein gleichaltriger Kamerad mit Gewehren auf die Mühle zu. Dort wurde die weiße Fahne geschwenkt, die in Wahrheit eine Herrenunterhose war.
Trotz des Friedenszeichens der Zivilisten eröffnete ein deutscher Soldat das Feuer auf die britischen Soldaten. Einer wurde getroffen und starb. Bei einem Feuergefecht bekam auch ein deutscher Soldat einen tödlichen Bauchschuss ab. „Der Engländer hätte nur ein Zeichen geben müssen, und der Panzer hätte die Mühle sofort in Stücke geschossen“, erzählt Paul Wissing. Doch trotz seiner Trauer über den toten Kameraden tat er es nicht, weil er Frauen und Kinder in der Mühle vermutete. Diese waren aber bereits durch einen Hinterausgang geflohen.
Der gefallene Engländer lag, in ein Tuch gewickelt, neben der Mühle. Er wurde später von seinen Kameraden abgeholt und auf dem Soldatenfriedhof bei Kleve beigesetzt. „Der tote deutsche Soldat wurde hinter einer Hecke begraben, später aber ebenfalls abgeholt und auf einem Friedhof beigesetzt“, erzählt die Zeitzeugin.